Magersucht überwinden – Ein Erfahrungsbericht

Ich war magersüchtig.

Darüber zu sprechen fällt mir auch heute noch schwer. Aber ich denke, dass es wichtig ist.

Es ist generell wichtig, psychische Krankheiten aus dem Dunkeln zu holen und aus der Stigmatisierung. Es ist wichtig, aufzuhören, Krisen und Krankheiten unter den Teppich zu kehren.

Denn es betrifft uns alle auf die ein oder andere Art und Weise.

Also: Ich war magersüchtig. Wie hat das angefangen? Angefangen hat das mit der Magersucht als ich siebzehn Jahre alt war.

Ich war schon immer sehr konkurrenzorientiert. Wenn irgendjemand in etwas besser war als ich und ich die Chance sah, besser darin zu werden als der andere, dann setzte ich alles daran.

In der Schule führten wir ein Theaterstück auf und sowohl meine Zwillingsschwester als auch eine andere Mitschülerin trugen das gleiche Kostüm wie ich. Da wurde mir der Vergleich quasi aufgezwungen. Es gab das Kostüm ein zwei Größen. Natürlich wollten alle das engere Kostüm tragen, so waren wir in diesem Alter.

Irgendjemand legte mir dann nahe, das größere Kostüm zu nehmen, weil die Mitschülerin, die es eigentlich trug, dünner sei als ich. Das war für mich ein Schlag ins Gesicht. Es ging hier vielleicht um 5 Kilo. Aber es war unerträglich für mich. Vor allem, dass meine Zwillingsschwester ein paar Kilo abgenommen hatte und jetzt dünner war als ich.

Und so pflanzte ich den Samen in mich ein, der rückblickend betrachtet wohl der erste Schritt hin zur Magersucht war. Ich fasste den Entschluss, ein bisschen abzunehmen.

Ich fing an, Zeit auf unserem Heimstepper zu verbringen. Immer mehr Zeit.

Ich find an, Verpackungen umzudrehen und zu lesen, wie viel Kalorien, Fett und Zucker in den Produkten sind. Ich fing an, zu rechnen und zu planen. Von Zucker konnte ich mich nicht gut trennen, deshalb wurde er nur stark beschränkt. Fett allerdings flog fast komplett aus meiner Ernährung heraus. Wenn man etwas in der Pfanne oder im Backofen zubereiten konnte, entschied ich mich für den Backofen. Brot gab es ohne Butter oder Margarine. Für jede Mahlzeit, die unter meiner Kontrolle war (also alle außer das Mittagessen) gab es ein festes Kalorienbudget, das möglichst nur unterschritten, aber nicht überschritten werden durfte.

Und irgendwie ging das alles sehr schnell. Ich kann mich gar nicht an einen Punkt erinnern, an dem ich mein ursprüngliches Ziel erreicht hätte und dann vor der Entscheidung gestanden hätte, weiterzumachen oder nicht. Diesen Punkt gab es gar nicht. Ich war sofort in dieser Spirale drin.

Und das wirklich Negative an dieser Krankheit ist das, was im Kopf abgeht. Leute, die noch keine Umgang mit der Krankheit Magersucht hatten, denken vielleicht, dass sie sich eher auf dem Körper bezieht, aber das ist leider nicht so.

Natürlich liegt der Krankheit eine negative Einstellung zum eigenen Körper zugrunde und in den meisten Fällen vermutlich auch ein krankes medial geprägtes Schönheitsideal, aber Hauptschauplatz dieser Krankheit sind die Gedanken.

Denn das Paradoxe ist: Je weniger man isst, desto mehr drehen sich die eigenen Gedanken um das Essen. Man plant im Kopf die nächsten Mahlzeiten und rechnet die Kalorien durch. Und das war für mich wie Terror: Ich hatte keine Kontrolle über meine Gedanken, es war so, als hätte etwas anderes von mir Besitz ergriffen. Als könnte ich gar nicht anders als daran zu denken. Wie eine Zwangsstörung.

Innerhalb von vielleicht einem halben Jahr ging es bei mir 20 Kilo runter. Und ich war auch vorher schon schlank.

Leute fingen an, besorgt zu sein. Ich empfand es als Angriff und verstand die Welt nicht mehr. Es war so, als wäre es gar nicht möglich, die Welt da draußen zufriedenzustellen. Als gäbe es gar keinen Zustand, in dem ich für die anderen richtig bin so wie ich bin. Erst war ich zu schwer und dann war ich zu leicht.

„Wo ist denn der Zustand, in dem ich genau richtig bin?“ Das fragte ich mich damals frustriert.

Trotzdem musste ich mich irgendwie mit der Kritik auseinandersetzen. Ob es Kritik oder Sorge war, kann ich gar nicht so genau sagen. Damals fühlte es sich wie Kritik an.

Ich versuchte zu dieser Zeit meines Lebens, perfekt zu sein. Ich verwendete jeden Tag morgens eine Stunde auf mein Make-Up. Ich war Klassenbeste. Ich wollte in allem die Beste sein. Warum? Weil ich mir davon versprach, glücklich zu werden. Einen besseren Weg hatte ich zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht entdeckt.

Und so traf es mich hart, als Leute anfingen, zu fragen: „Malou, bist du eigentlich magersüchtig?“ Oder irgendwelche Kommentare über meinen Körper machten. Zumal ich immer noch nicht das Gefühl hatte, dünn genug zu sein.

Das ist ein sehr tückischer Mechanismus, der es Betroffenen erschwert, ihre Essstörung zu erkennen: Fettsüchtige sehen sich im Spiegel oft dünner als sie eigentlich sind und Magersüchtige und Bulimiker sehen sich oft dicker als sie eigentlich sind.

Deswegen macht man auch oft in Kliniken die Übung, dass sich die betroffene Person auf ein lebensgroßes Blatt Papier legt und dann ihre Körperumrisse mit einem Stift abgezeichnet werden. Bei dieser Übung realisieren dann die Meisten, dass sie sich verzerrt wahrnehmen.

Ich hatte das Gefühl, dass ich von den anderen als schwach wahrgenommen werde. Dass die Welt eine Schwäche an mir entdeckt hatte, die ich ganz offen zur Schau trug und nicht verstecken konnte.

Ich wollte nicht schwach sein. Ich wollte anderen Menschen keine Angriffsfläche bieten. Ich wollte kein Mitleid. Ich wollte stark sein. Ich wollte gut sein.

Das war meine Hauptmotivation dafür, in eine Klinik zu gehen.

Meine Magersucht überwinden, der Klinikaufenthalt war der erste Schritt in diese Richtung.

In der Klinik wurde ich dann dazu gezwungen, zu essen und zuzunehmen, andernfalls hätte man mich rausgeworfen. Das heißt, ich musste jede Woche einen halben Kilo zunehmen und an allen Mahlzeiten teilnehmen und alles aufessen, was man mir vorsetzte. Das war ziemlich krass.

Bei einem Verstoß gab es eine Vorwarnung, beim zweiten die gelbe Karte und beim dritten war man raus.

Ratet mal, wie viele ich hatte?

Drei.

Aber aus irgendeinem seltsamen Grund hatte der Chefarzt Mitleid mit mir und ließ mich bleiben. Meine Bezugspsychologin war darüber sehr verwundert. Sie hatte schon Mädchen zetern und weinen sehen und sie mussten trotzdem gehen.

Doch es war mein Glück, dass ich bleiben durfte, denn alleine hätte ich es damals wohl nicht geschafft, mein Essverhalten zu ändern. Und so war ich drei Monate lang in dieser Klinik und machte dabei die Hölle durch. Magersucht überwinden – das ist harte Arbeit.

Neben dem Zunehmen stellte ich mir das erste Mal in meinem Leben Fragen wie: „Wie war meine Kindheit für mich?“, „Was für eine Beziehung habe ich zu meinen Eltern?“ und „Bin ich krank oder ist mein ganzes Familiensystem krank?“.

Nach diesen drei Monaten war ich gewichtsmäßig wieder einigermaßen im grünen Bereich und beantragte keine Verlängerung mehr. Viel hatte ich damals noch nicht über meine Psyche begriffen, aber ein Anfang war gemacht. Eine Tür wurde einen Spalt breit geöffnet, die ich mit der Zeit immer weiter öffnete bis mir die Spiritualität die Antworten gab, auf die ich so lange gewartet hatte.

Meine Magersucht überwinden konnte ich aber zu hundert Prozent erst, als ich alleine wohnte und Abstand zu meiner Familie bekam. Es war ein langsamer Prozess mit vielen Ups and Downs. Am Anfang versuchte ich mehr, das Symptom loszuwerden.

Aber irgendwann war es dann eine Heilung von innen heraus und ich konnte die Krankheit loslassen. Sie war nicht mehr notwendig.

Heute spüre ich wieder, wenn ich Hunger habe und wenn ich satt bin. Das klingt vielleicht selbstverständlich, aber während einer Essstörung verliert man das Gefühl dafür. Ich mache jeden Tag Übungen für meine Körperliebe, damit mir auch immer bewusst ist, wie schön und wertvoll mein Körper ist. Meine Magersucht überwinden: Das habe ich heute geschafft!

Und klar esse ich auch heute noch manchmal, um meine Gefühle zu kompensieren. Manchmal esse ich eine Packung Kekse, anstatt meine Gefühle zu fühlen. Oder ich esse erst eine Packung Kekse und fühle dann meine Gefühle.

Aber ich lasse kein Essen weg, wenn ich mich mal schlecht fühle. Ich mache viel Sport und ernähre mich ausgewogen. Mein Körper ist gesund. Und heute finde ich einen sportlichen Körper viel schöner als einen mageren Körper.

 

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